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Heute im Fernsehen: „Tatort“ aus Wien
Spiel mir das Lied vom Tod auf dem Balkan
Die Ermittler haben es mit bulgarischen Machenschaften und einer bulgarischen Sonderermittlerin zu tun, denn von Wien bis zum Balkan ist es nicht weit: Der ORF-Tatort „Ausgelöscht“ ist ein mitreißend-erstklassiger Mafiathriller.
Von Edo Reents
29. Mai 2011
Ein nackter Toter in einem Einkaufswagen - wo gibt's denn das? Na, in Wien natürlich. Hier hat man Stil, hier legt man auch beim Morden Wert aufs Außergewöhnliche. Zusammengekrümmt liegt der Tote im Gitter, ein Schuss traf ins Knie, ein zweiter in die Schläfe. So etwas ist eigentlich nur bei der Mafia üblich, wie die Kommissare wissen: Erst zum Reden bringen und dann für immer zum Schweigen. Aber was hatte Petko Imanow seinem Mörder mitzuteilen? Merkwürdig ist, dass sich in der Stadt die Überfälle häufen; mal ist ein Juweliergeschäft dran, mal ein Autohaus.
Am merkwürdigsten aber ist, dass die Geschädigten und, wie sich erweist, auch die Räuber von ein und demselben Anwalt vertreten werden: Robert Stephan Deutschmann ist ein durchtriebener Schmierlapp, wie er im Drehbuch steht - kein Telefonat, das er nicht mit Grüßen an die Gemahlin beendet, mit seinem Anwaltshonorar hält er auch nicht hinter dem Berg. „Wissen Sie“, sagt er grinsend zu Kommissar Eisner, „was einer wie Sie im Monat verdient, das verdiene ich an einem schlechten Tag.“
Begeistert mit gegenseitigen Hinterfotzigkeiten: Das grundverschiedene Ermittlerpaar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser)
© rbb/ORF/Ingo Pertramer
Begeistert mit gegenseitigen Hinterfotzigkeiten: Das grundverschiedene Ermittlerpaar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser)
In diesem Moment kommt etwas an die Oberfläche, worum jeder bessere Polizeifilm zumindest unterschwellig kreist: die Frage, womit man sich einen Mangel an Privatleben, Überforderung und gesundheitliche Risiken entlohnen lässt - offenbar wirklich nur mit schlechter Bezahlung. Wie gut, dass Moritz Eisner sein Geld für Alkohol, Zigaretten und üppiges Essen sowieso nicht mehr ausgeben soll, seit ihm seine Ärztin geraten hat, auf sich zu achten. Was Selbstdisziplin nicht vermag, das besorgt seine Assistentin Bibi Fellner, die nun ein Auge auf seinen Speiseplan hat, obwohl sie, wie wir seit ihrem Dienstantritt wissen (siehe Ich brauche eine Assistentin, kein Wrack), in Fragen der Moral sonst eher zur Nachsicht neigt.
In veritabler James-Bond-Gegenspielerin-Art
Das grundverschiedene Ermittlerpaar Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser läuft mit seinen gegenseitigen Hinterfotzigkeiten so geschmiert, dass man sich ungehindert der Thriller- und Actionhandlung widmen kann, die in dieser Wiener Episode außerordentliches Format entwickelt. Manchmal denkt man an Michael Mann oder David Fincher, und selbst wem dieser Vergleich zu hoch gegriffen ist, wird zugeben, dass Tempo und Timing stimmen. Und man muss das Geschehen vielleicht auch gar nicht auf allen Ebenen durchschauen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was aus einem solchen Format herauszuholen ist, wenn Buch (Uli Brée) und Regie (Harald Sicheritz) die nötige Entschlossenheit und den Mut aufbringen, sich an internationale Standards zu halten.
Das zu tun liegt in einer Stadt wie Wien schon deswegen auf der Hand, weil es bis zum Balkan nicht weit ist. Es sind bulgarische Machenschaften, mit denen es die Kommissare zu tun haben, die daher die Hilfe der bulgarischen Sonderermittlerin Donka Galabova gerne in Anspruch nehmen. Diese wird von Dessi Urumova in veritabler James-Bond-Gegenspielerin-Art verkörpert: attraktiv, streng, undurchsichtig und, wenn es darauf ankommt, rücksichtslos. Sie macht sich bei den Ermittlungen auf energisch-selbstverständliche Weise nützlich; aber den Auftragskiller, an den die Kommissare allmählich zu glauben beginnen, kann auch sie nicht ausfindig machen. Liegt das daran, dass sie Teil des Problems ist? Es fiel jedenfalls auf, dass sie im Leichenschauhaus die Tätowierung des ersten Toten zärtlicher berührt hat, als es der Dienst verlangt. Und dass sie den Anwalt Deutschmann unbedingt erschießen muss, will auch nicht einleuchten.
Nur kleine handwerkliche Fehler zu monieren
Ist diese Sonderermittlerin also eine Art Kaiser Soze (aus den „Üblichen Verdächtigen“), den alle nicht nur unterschätzen, sondern gar nicht auf der Rechnung haben, eine Nummer eins also, die das Feld von hinten aufrollt? Man wird sehen und sich an den gelungenen Scharmützeln zwischen den Kommissaren erfreuen, die nie aufgesetzt wirken: Eisner kommt nicht nur mit seiner Diät nicht zurecht, sondern auch damit nicht, dass Bibi Fellner den Kontakt zum aus dem Gefängnis entlassenen Kleinkriminellen Zuhälter Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) wieder aufwärmt.
„Ausgelöscht“: Der Titel bezieht sich wohl auch auf ausgelöschte Gewissheiten. Und so sind an dieser überraschenden, aber nie konstruiert wirkenden Episode nur kleine handwerkliche Fehler zu monieren: Eisners Tochter Claudia (Tanja Raunig) sah früher anders aus; und die österreichische Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung wird von Eisner falsch zitiert: Es heißt nicht „das Böse ist ewig“, sondern „das Böse ist immer und überall“. Aber wahrscheinlich knurrte ihm da gerade mal wieder der Magen.
Zwischendurch singt sie in schummrigen Bars gerne ein Ständchen: Adele Neuhauser ist als neue Kommissarin ein Hit
© rbb/ORF/Ingo Pertramer
Zwischendurch singt sie in schummrigen Bars gerne ein Ständchen: Adele Neuhauser ist als neue Kommissarin ein Hit
Der Tatort: Ausgelöscht läuft am heutigen Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.