07.03.2011

TATORT - 990.000 Zuseher in Österreich!!!

„Tatort: Vergeltung“Prügelnde Eltern, tötende Kinder
Montag 07.03.2011, 06:05 · von FOCUS-Redakteur Joachim Hirzel
Tatort
rbb/ORF/Oliver Roth Hauptkommissar Eisner (Harald Krassnitzer) und seine neue Assistentin Bibiane Fellner (Adele Neuhauser)
Der starke „Tatort“ aus Österreich erkundet die Abgründe in Familien: Wo Liebe fehlt, wächst die Gewalt.
„Vergeltung“ ist eine Geschichte über den Wahnsinn in der Welt. Über den Tatort Familie. Gut möglich, dass sich der Krimi aus Österreich durch eine wahre Tragödie inspirieren ließ. Durch das, was Josef Fritzl in der Kleinstadt Amstetten seiner Tochter angetan hat. Wenn ein Vater sein Kind fast ein Vierteljahrhundert lang in den Keller sperrt, sie immer wieder vergewaltigt und auch einige der so gezeugten Enkel ihre gesamte Jugend im Familien-Gefängnis verbringen müssen, dann ist dies so unvorstellbar grausam, dass man es nicht für möglich halten mag. „Vergeltung“ erzählt von eben solchen, vermeintlich undenkbaren Grausamkeiten. Von den Abgründen, die sich auftun, wenn Mutter, Vater und Kinder die Tür zum trauten Heim hinter sich schließen. Drin, in den Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmern ist das Leben mitunter viel trister als es, von außen besehen, scheinen mag.

Hier litten Heinz, Elke, Nina, Jan
In einem Wohngebiet, in dem die vielen kleinen Häuschen farbig getüncht sind, um sie identifizierbar zu machen, besuchen Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Assistentin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) eine Familie. „Hier wohnen Heinz, Elke, Nina, Jan“ steht an der Klingel. Das wirkt nett. Fröhlich. Einladend. Klingt nach guten Eltern und ausgelassenen Kindern – und führt völlig in die Irre. Jan, der Sohn, wurde eben ermordet. Deshalb ist Eisner gekommen. Früher war Jan selber Täter. Da hat er einem Rentner an der U-Bahn-Station den Hals aufgeschlitzt. Die Mutter, die nun die Tür öffnet, hat ein geschwollenes Gesicht. Vom Sohn. „Ehrlich gesagt wissen wir fast nichts über unseren Buben“, sagt der Vater. Und bleibt stumm, als Meisner nach der Tochter fragt. Geht einfach weg. Nur die Mutter verrät der Kollegin, dass Nina sich umgebracht hat.
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Bibi, die 20 Jahre bei der Sitte war, reimt sich zusammen: Der Vater hat sich an der Tochter vergangen, die Mutter hat weggesehen, wollte das einfach nicht wahrhaben. Der Sohn ging auf seine Weise damit um. Musste die Aggressionen irgendwie rauslassen und wurde zum Mörder.
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Das Versagen der Eltern
„Vergeltung“ ist eine aufrüttelnde Reise durch einen Teil der Gesellschaft, der auf fürchterliche Weise kaputt gegangen ist. Von innen, aus sich selbst heraus. Weil die Eltern versagt haben, ihre Kinder asozial behandelten – und diese dann ebenfalls so wurden: asozial.

Wir erleben eine Schlagersängerin, die auf der Intensivstation erfährt, dass ihre Tochter im Koma liegt und die Nacht möglicherweise nicht überlebt. Und worum sorgt sie sich? Um ihren Auftritt, der in zwei Stunden terminiert ist. Ein Vater prügelte seine Tochter Kira früher so lang, bis sie mit 14 ausriss, auf den Strich ging und einen Freier brutal ermordete. Nun hat er zu Hause Videokameras installiert, um sein Kind zu überwachen. Und rastet aus, wenn seine Frau sich anmaßt, zur Fernbedienung des stets dudelnden TV-Geräts zu greifen.

Absturzgefährdete Polizistin
Die 90-minütige Erkundung der sozialen Untiefen unserer Gesellschaft hätte schwermütig und depressiv machen können. Aber Drehbuchautor Uli Brée hat den Stoff gut ausbalanciert. Man darf auch lachen. Schon allein wegen Eisners neuer – in einem Zuhälterschlitten aufkreuzenden – Assistentin, der diese Geschichte eine bestmögliche Premiere bietet, weil sie so gut dazu passt. Denn auch die Polizistin läuft Gefahr, kaputt zu gehen. Sie war 20 Jahre bei der Sitte, wurde von ihrem Partner verlassen und kämpft nun – mit Eisners Hilfe – dagegen an, in Selbstmitleid und Hochprozentigem zu ertrinken.

In ganz Wien, heißt es in „Vergeltung“, gibt es nur zwei Psychologen, die mordende Jugendliche therapieren. Am Ende des Films gibt es noch einen. Der andere verlor durch brutale Teenager seine Frau samt ungeborenem Kind – und richtete deshalb Kira, eine seiner Patientinnen, darauf ab, andere Ex-Täter umzubringen. Auch das Mädchen, das sein Leben zerstörte. „Diese Jugendlichen“, konstatiert Eisner mit österreichischer Schwärze, „sind für unsere Politiker nicht systemrelevant, und deshalb gibt’s dafür kein Geld.“